Fünf Jahre Feministische Partei DIE FRAUEN:
Anspruch ! statt Nische
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitfrauen,
zur Fünfjahresfeier der Feministischen Partei DIE FRAUEN möchte auch ich Euch
herzlich begrüßen. Wie meine Vorrednerinnen bin ich Bundessprecherin und
stehe nun hier, um zum ersten richtigen Jubiläum unserer Partei zu sprechen.
Und da bin ich sehr stolz drauf, zumal ich überzeugt von dem einmaligen
Engagement der Mitfrauen bin und unsere Partei bereits mittelfristig als
politische Kraft, als die neue Oppositionspartei in unserem Land sehe.
Wer also sind wir?
Die Feministische Partei DIE FRAUEN ist angetreten, um Politik aus
Frauensicht auf die politische Tagesordnung zu setzen.
Aha, alles klar, nicht wahr?! Bleiben dann nur noch drei Fragen offen:
Erstens: Was bedeutet es eigentlich, sich in einer Start-up-Partei zu
organisieren und zu engagieren?
Eine neu gegründete Partei durchläuft wie ein Start-up-Unternehmen einen
typischen Entwicklungsprozeß. Waltraud Pomper, Elke Bleich und Gisela Pohl
haben gerade sehr lebendig die Phasen Forming und Storming veranschaulicht.
Bleiben dann noch das Norming, das ist die Einigung darüber, welches
Verständnis wir Mitfrauen von Parteiarbeit entwickeln, und das Performing,
das Politikmachen an sich. Norming und Performing können wir nicht losgelöst
vom politischen Gesamtkontext sehen. Und das heißt in Deutschland: Eine
Partei ist eine "verfassungsrechtliche Institution", die gemäß §1 des
Parteiengesetzes an der "Bildung des politischen Willens des Volkes auf allen
Gebieten" mitwirkt.
Tatsächlich haben wir uns da ganz schön was vorgenommen, denn die
Einflußnahme auf die öffentliche Meinung setzt vielfältige Meinungsbildungs-
und Entscheidungsprozesse innerhalb der Partei voraus. Und diese Prozesse
müssen nicht nur zu einem Ergebnis führen, das wir nach außen kommunizieren,
sondern sie müssen vor allem auch der basisdemokratisch angelegten Satzung
und den hohen Ansprüchen der Mitfrauen der Feministischen Partei an
demokratische Prozesse und Inhalte genügen. Gerade die Satzung gab und gibt
immer wieder Anlaß dazu, daß wir uns über unser institutionalisiertes
Miteinander Gedanken machen. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, daß die
Satzung nicht auf alles eine Antwort haben kann, daß auch funktionierendes
E-Mail nicht die Lösung ist, sondern daß unsere Beteiligungskultur und das
persönliche Involviertsein jeder einzelnen Mitfrau maßgebliche Beziehungen
schaffen. Ein deutliches Symptom für diese Erkenntnis ist, daß Mitfrauen
inzwischen weniger Satzungsanträge formulieren, jedoch häufiger umfassende
Appelle an unser Miteinander, z.B. im letzten Rundbrief des KMV Frankfurt.
Zur zweiten Frage: Was heißt eigentlich "Politik aus Frauensicht"?
Das heißt, daß wir "Frauenthemen vom Rand ins Zentrum rücken" wollen, um mit
den Worten von Luise Pusch zu sprechen. Oder, noch deutlicher: "Politik aus
Frauensicht" hat den feministischen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft
zum Ziel: eine Gesellschaft, in der sich das Prozeß- und Beziehungshafte in
der politischen Kultur, den Normen, Gesetzen und in den Institutionen
niederschlägt.
Für die Feministische Partei DIE FRAUEN bedeuten die nächsten zwei Jahre vor
allem konzentrierte Arbeit am Programm. Eines der wichtigsten Anliegen ist:
Weg von der Opfersprache, hin zu aktiven Maßnahmen und zur aktiven Vision!
Und eine solche zu formulieren ist nicht nur eine Sache positiver
sprachlicher Wendungen und guter PR: Sie ist vor allem eine Sache des
Nachdenkens, der Konzeption und der intensiven Auseinandersetzung der
Feministischen Partei mit BürgerInnen, mit den Institutionen, mit
FachspezialistInnen, mit Feministinnen und dem politischen System an sich.
Zu unseren zentralen Themen zählt dabei die Ausgestaltung des bundesweiten
Volksentscheids und anderer direktdemokratischer Optionen unter
feministischen Gesichtspunkten. Dabei haben wir die paritätische und
authentische Mitgestaltung von Frauen und Mädchen im Auge, denn wir wollen,
daß der universale Anspruch, den unsere Demokratie für sich reklamiert,
endlich eingelöst wird.
Umgekehrt haben auch wir den Anspruch auf Universalität: Das Ziel, ein System
zu schaffen, daß zu universellen Verbesserungen für alle Frauen, was sage
ich, für alle Menschen führt, ist auch Dreh- und Angelpunkt unseres Konzepts.
Aktuell zeichnet sich ab, daß die Diskussionen zu den Themen Demokratie und
Gewalt nicht ohne Folgen für unser Selbstverständnis bleiben werden: Zum
einen sind auch Männer Opfer von Ausbeutung und Gewalt. Zum anderen sind
Frauen nicht nur unbeteiligte Opferblümchen, sondern auch erfolgreiche und
starke Gestalterinnen, die sich bewußt mit dem System arrangieren oder
"typisch männliche" Biographien ohne Kinder leben wollen - eine unumkehrbare
Folge der Emanzipationsbewegung. Das bedeutet, daß wir uns mit den
Feindbildern "Mann" oder "patriarchale Strukturen", die fraglos aus
Unterdrückung entstanden sind, kritischer als bisher und mit Blick für's
Detail auseinandersetzen müssen. Die lebhaften Diskussionen auf unserer
Homepage oder in unserer Mailingliste lassen heute bereits ahnen, daß es erst
recht hoch hergehen wird, wenn eine größere Öffentlichkeit sich dieser
verdrängten Themen annimmt. Der Druck gerade auf die Feministische Partei in
ihrer Funktion als Hauptakteurin wird dann verständlicherweise groß sein.
Was haben wir von dieser Auseinandersetzung, vor der doch andere Parteien und
ihre Mitglieder eher zurückschrecken? Die Antwort lautet: Wir werden genauer
wissen, welche feministischen Forderungen wir stellen müssen, die den
Anspruch auf Universalität einlösen, und an welcher Stelle wir als Partei
unbedingt partikulare Interessen für Frauen und Mädchen vertreten sollten.
Damit bin ich nun endgültig beim Performing und bei der letzten Frage
angelangt:
Was heißt das, etwas "auf die politische Tagesordnung" zu setzen?
Dazu fange ich wie oben mit dem Parteiengesetz an: Es sieht vor, daß Parteien
regelmäßig an Wahlen teilnehmen müssen, und daß Parteien BürgerInnen
politisch aktivieren.
Die Feministische Partei DIE FRAUEN hat zahlreiche Wahlen mit sichtbarem
Erfolg bestritten. Auf Bundesebene war bisher die Europawahl 1999 mit 0,4%
der abgegebenen gültigen Stimmen die erfolgreichste, auf Landesebene die
letztjährige Landtagswahl in Thüringen mit über 0,5% der Stimmen, und auf
kommunaler Ebene die Kreismitfrauenverbände Frankfurt und Darmstadt, die 1997
0,7% bzw. 1,9% der Stimmen gewannen. Das hohe und kontinuierliche Engagement
der Mitfrauen war auch im Vorfeld der Landtagswahl in NRW fast ohne Beispiel,
mußten sich die Mitfrauen der Feministischen Partei doch gegen ein bundesweit
beispiellos undemokratisches Wahlsystem behaupten.
Zum Agendasetting zählen ferner das Unterschriftensammeln, Veranstaltungen z.
B. die Peking-Nachfolgekonferenz in Erfurt, Demonstrationen,
Fernsehauftritte, Infostände auf der Straße und auf Messen. In diesem Jahr
konzentrieren sich viele Kräfte auf den internationalen Marsch gegen Armut
und Gewalt gegen Frauen, bei dem die Feministische Partei DIE FRAUEN,
insbesondere Monika Christann, auf nationaler Ebene federführend mitwirkt.
Ein zentraler Bestandteil unser Öffentlichkeitsarbeit werden, in guter
frauenpolitischer Tradition, themenbezogene Aktionen sein. Insbesondere vor
dem Hintergrund eines bundesweiten Volksentscheids verpuffen diese dann
nicht, sondern tragen zur Meinungsbildung in der öffentlichen Diskussion bei.
Vorstellen kann ich mir dann sogar folgendes Szenario: Direkt nach der
Einführung des bundesweiten Volksentscheids starten wir ein
Frauenvolksbegehren, mit der Feministischen Partei DIE FRAUEN als
politischer Moderatorin. Mit einem Frauenvolksbegehren haben die
Österreicherinnen vor einigen Jahren mit Erfolg den §218 abgeschafft!
Ich wünsche uns und allen feministisch motivierten Frauen viel Erfolg nach
dem Motto "Anspruch! statt Nische"!